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יום חמישי, 30 באוגוסט 2012

"Muranooo": Warschauer Gespenster

Vier Strandkörbe. Drei Frauen und ein Mann sitzen darin und streiten. Der Mann und zwei der Frauen reden polnisch, eine Frau hebräisch. Kein Wunder, denn »Muranooo« ist eine polnisch-israelisch-deutsche Koproduktion, die aus der Zusammenarbeit des Warschauer Teatr Dramatyczny mit der israelischen Theatergruppe Itim entstand. Die Schauspieler sind aus Polen und Israel, jeder redet in seiner eigenen Sprache, und die Geschichte, die im Mittelpunkt steht, erzählt sich auf jeden Fall nicht leicht.

Gespenster gehen um in Warschau – die Gespenster der Juden. Vor allem in Muranów, wo sie vor dem Krieg wohnten, während des Krieges ermordet und nach dem Krieg eingemauert wurden. »Ich glaube an Gespenster; jedenfalls an die von Muranów«, sagt die polnische Schriftstellerin Sylwia Chutnik, Autorin des Stücks, das Ende Juni in Tel Aviv aufgeführt wurde. »Muranooo« erzählt die Geschichte einer polnisch-jüdischen Großmutter aus Muranów, die ihre Erinnerungen ihren Enkelkindern mitzuteilen versucht.

»Ich wurde in Warschau geboren, wo die Geschichte Alltag ist«, erzählt Chutnik, die auch als Stadtführerin arbeitet. »Sogar wenn man zu vergessen versucht, kann man es nicht. Überall hängen Schilder wie ›Hier wurden 1939 40 Menschen von den Nazis ermordet‹. Der Holocaust bleibt ein hitziges Thema in Polen.«

Surreal »Muranooo« ist ein Strom der Assoziationen, Metaphern und Symbole. Und die Inszenierung ist ebenso surrealistisch wie der Text. »Ich habe es mir viel grausamer vorgestellt«, sagt Chutnik, die das Arbeitsergebnis erst bei der Premiere in Warschau Anfang Mai gesehen hat. Die israelische Regisseurin Lilach Dekel-Awneri hat den schwierigen Text mit bunten Kostümen, moderner Popmusik und Videos kombiniert, um die polnischen Gespenster dem israelischen Publikum zu vermitteln.

Für die Musik in »Muranooo« war DJ Ipek zuständig, die für ihren Mix aus orientalischer und Klubmusik bekannt ist. Die Berlinerin hat deutsche, französische und hebräische Popsongs mit Klesmer-Elementen kombiniert. »Ich bin vom Holocaust betroffen«, sagt die türkisch-deutsche Musikerin, »weil ich in einem Land geboren wurde und aufgewachsen bin, das das Unvorstellbare doch vorstellbar gemacht hat. Ich bin nicht betroffen als Täterin, ich bin auch nicht betroffen als Opfer, aber ich kann nicht einfach sagen, ›das geht mich nichts an‹.«

Jüdische Allgemeine, 05.07.2012

"Das Zimmer im Spiegel": Die Eingeschlossene von München

Rudi Gauls Debüt Das Zimmer im Spiegel, der diese Woche in die Kinos kommt, spielt während der Nazizeit. Seine Hauptfigur ist eine Jüdin. Doch ein zeitgeschichtliches Drama ist der Film nicht. Der Holocaust ist nur Anlass für den Regisseur, in eindrucksvollen wie eigenartigen Bildern zu zeigen, welche Auswirkungen physische und psychische Isolation auf eine Frau haben können.

Die Jüdin Luisa wird während des Zweiten Weltkriegs von ihrem »arischen« deutschen Mann vor den Nazis in einer leer stehenden Münchener Dachgeschosswoh- nung versteckt. In dem Raum stehen nur die nötigsten Möbel – und ein Spiegel. Anfangs kommt Karl von Zeit zu Zeit, bringt Luisa Kaffee und verbotene Bücher, die er mithilfe einer Freundin besorgt, einer Schauspielerin namens Judith. Doch Karl ist kalt und distanziert; der Zuschauer beginnt zu ahnen, dass etwas nicht stimmt. Nach einer Weile hören die Besuche auf. Mit dem Verschwinden Karls, der nicht nur Luisas Liebe ist, sondern auch ihre einzige Verbindung zur Außenwelt, verschwindet auch sukzessive die klare Wahrnehmung bei der Eingeschlossenen. Luisa wird zunehmend paranoid, spült nicht einmal mehr die Toilette, aus Angst, gehört und entdeckt zu werden. Jedes Geräusch, das von außen an ihr Ohr dringt, ist eine Mischung aus Hoffnung – dass es Karl sein könnte – und Angst – aufgespürt zu werden. Als Luisa kurz vor dem endgültigen psychischen Zusammenbruch steht, taucht plötzlich Judith auf. Aber ist sie es tatsächlich? Oder fantasiert Luisa nur?

Der Regisseur nutzt offenkundig Motive von Lewis Carroll, um Luisa ein Wunderland zu schaffen, in das sie sich vor den Schrecken ihrer Lage flüchten kann. Gleichzeitig erinnert Das Zimmer im Spiegel auch an eine Arbeit zweier anderer Lewis-Carroll-Fans, der Wachowski-Brüder und ihren Kultthriller Bound von 1996. Auch dort hilft eine starke Frau einer schwachen aus der Falle, wie hier Judith Luisa aus der Realität in eine Welt führt, von der sie immer nur geträumt hat. Und hier wie dort hat die Beziehung zwischen den beiden Frauen auch prononcierte sexuelle Aspekte.

Der dritte Protagonist ist der Spiegel im Zimmer. Vor ihm macht sich Luisa für Karls Besuche schön, aus ihm tritt die Fantasiefigur eines Bassisten, vor ihm kommt der Film zu seinem atemberaubenden Finale.

Kirstin Fischer spielt die Luisa mehr als nur überzeugend. Die schwierigste Prüfung für Schauspieler ist, ob sie auf der Leinwand schweigen können. Fischer besteht diesen Test mit Bravour. Während der gesamten ersten Hälfte des Films ist sie mit wenigen Ausnahmen völlig alleine auf der Leinwand und schafft es, nur auf sich gestellt, den Zuschauer zu fesseln. Den langsamen Zerfall von Luisas Geisteszustand kann man auf ihrem Gesicht lesen wie in einem Buch. Von Seite zu Seite versinkt sie immer mehr im Wahn. Beeindruckend auch Eva Wittenzellner, die die Judith als eiskalte Femme fatale gibt und den Zuschauer bis zum Ende im Ungewissen über sich lässt.

Schwer nur zu sagen, ob dieser Film ein Geniestreich ist, oder der Trip eines größenwahnsinnigen Filmhochschulabsolventen. Vielleicht beides. Egal: So oder so ist Das Zimmer im Spiegel eines jedenfalls nicht – langweilig.

Jüdische Allgemeine, 07.01.2010

"Der weiße Rabe": Halbtotale in die Vergangenheit

Max Mannheimer, geboren 1920 im damaligen Sudetenland, ist ein faszinierender Mensch. Er hat die Lager Auschwitz, Dachau und Mühldorf überlebt. Er besitzt einen bissigen Humor, künstlerisches Talent und hat eine spannende Lebensgeschichte zu erzählen, die er als Zeitzeuge vor jungen Menschen eindrucksvoll zu vermitteln weiß. Doch von alldem kommt in Carolin Ottos Dokumentarfilm Der weiße Rabe, der diese Woche in den Kinos anläuft, leider wenig rüber.

Gleich zu Beginn des Films verrät Carolin Otto den Zuschauern, dass sie mit Mannheimer eng befreundet ist. Diese Freundschaft war auch ihre Motivation für diese Produktion. Doch vor lauter Nähe zu dem Porträtierten scheint der Filmemacherin die Professionalität abhandengekommen zu sein.

Da sieht man beispielsweise Mannheimer in der Gedenkstätte Auschwitz stehen. Er erzählt von den Schrecken des Vernichtungslagers. Aber man kann seine Gefühle kaum lesen. Nicht, weil er keine hätte, sondern weil die Kamera ihn aus der Halbtotalen filmt, eine Einstellung, die ausgerechnet in einem der bewegendsten Momente Distanz zwischen dem Erzähler und den Zuschauern schafft. In einer anderen Szene stehen Mannheimer und Otto unter dem Fenster der Werkstatt, in der Mannheimers Bruder in einem KZ arbeitete und von wo er den anderen heimlich Brot zuwarf. Während Mannheimer das berichtet, fährt die Kamera an das Fenster ran und von dort ungelenk wieder zurück zu dem Erzählenden – der immer noch am Sprechen ist. Ein Fehler, der Filmstudenten im ersten Semester unterlaufen kann, nicht aber einer erfahrenen Regisseurin, die ein bisschen was von Schnitttechnik verstehen sollte.

Schlechte Kameraarbeit ist aber nicht das einzige Problem des Films. Offenbar hat Carolin Otto nicht begriffen (oder vergessen), dass ein Dokumentarfilm sich zwar an die Fakten halten muss, er aber in der Wahl der Mittel, diese Fakten zu zeigen, künstlerisch frei sein darf und soll. Lange, eingefrorene Einstellungen auf Menschen, die in die Kamera reden, überfordern die Aufmerksamkeitsspanne des Zuschauers. So interessant das, was dort erzählt wird, sein mag: Der Mangel an visueller Unterbrechung der langen Monologe ist fast unerträglich. Und der einzige Moment, in dem sanfte Musik ertönt, unterstreicht nur, dass es ansonsten den ganzen Film über an akustischer Untermalung fehlt.

Das eigentliche Dilemma dieses Films ist, dass er sich zu viel vorgenommen hat. Carolin Otto wollte Max Mannheimers Leben im Lager zeigen, seine Aufklärungsarbeit als Zeitzeuge in Schulen, sein Privatleben, seine künstlerische Tätigkeit. In ihrem Ehrgeiz, nichts auszulassen, hat sie ihr eigentliches Thema übersehen – Max Mannheimer.

Jüdische Allgemeine, 10.12.2009

Fragen über Fragen

Israels früherer sefardischer Oberrabbiner Mordechai Eliyahu hat einen neuen Service ins Leben gerufen: die »Jüdische Hotline für jüdische Fragen«. Sie versucht, Fragen zu Themen wie Heirat und Beziehung, Umgang mit den Nachbarn, Kindererziehung, Glaube und Spiritualität zu beantworten. Außerdem soll sie zu allgemeinen Problemen wie Finanzen und Organspende Ratschläge geben. Angeheuert, so schreiben israelische Medien, hat Eliyahu dazu rund 300 Jeschiwa-Studenten.

Die Hotline möchte ihren Service nicht nur in Hebräisch, sondern auch in Russisch, Englisch, Französisch und, weil in Israel viele äthiopische Juden leben, auch in Amharisch anbieten. Klingt gut. Doch: Funktioniert es auch?

Stellen wir uns den Anrufer als russische Zuwandererin vor, die gerade ins Land gekommen ist und noch nicht Hebräisch spricht. Aber sie möchte trotzdem etwas zu einer halachischen Frage wissen. Also wählt sie die Servicenummer – und hört einen Schwall von hebräischen Wörtern: Eine männliche Stimme macht die irritierte Anruferin auf vier Optionen aufmerksam und schlägt ihr – natürlich auf Hebräisch – vor, »null« zu wählen. Leider kommt dies als letzte Option. Zuvor muss sie sich anhören, was der Service beinhaltet – alles auf Hebräisch.

Aber nehmen wir an, unsere arme Anruferin schafft es tatsächlich. Sie dringt so weit vor und findet irgendwie heraus, dass »null« ihre einzige Option ist. Da beginnt die zweite Phase: »For English press one«, verkündet eine neue Stimme. Oh, verständliche Wörter! Hoffnung kommt auf – und wird sogleich wieder erdrückt. Denn die Hinweise auf die anderen Sprachen werden wieder nur auf Hebräisch gegeben. Von derselben – zugegeben: sympathischen – männlichen Stimme. Aber unsere Anruferin lässt sich nicht ins Bockshorn jagen, sie ist mutig. Und weil es nur vier weitere Sprachen gibt, versucht sie es immer wieder aufs Neue – bis sie endlich Glück hat und das Angebot in Russisch erreicht.
»Endlich jemand, den ich verstehen kann«, denkt sie, als sie schließlich dort ist, wo sie hin möchte. – Von wegen! Nachdem sie einige weitere Minuten geduldig gewartet hat, hört sie eine Stimme. Dieselbe männliche Stimme, die sie schon kennen und hassen gelernt hat. Die Stimme sagt – raten Sie mal, in welcher Sprache: »Wir können Ihren Anruf im Moment nicht entgegennehmen. Bitte hinterlassen Sie Ihr Anliegen, und wir werden Sie zurückrufen.« Beep.

Jüdische Allgemeine, 10.12.2009

Ausstellung: In Gottes Namen Guten Appetit

Sind Giraffen koscher? Das scheint die einzige Frage zu sein, auf die die Macher der Schau Koscher & Co im Jüdischen Museum Berlin keine Antwort haben. Die zehn Ausstellungsräume decken so gut wie alle Aspekte des Essens in unterschiedlichen Religionen ab. Beginnend natürlich mit dem Judentum, gehört dazu auch eine intensive Auseinandersetzung mit Speisegesetzen bei Christen, Muslimen und Hindus. Der Besucher taucht ein in eine Welt, in der es nur zwei Pole zu geben scheint: Gott (oder Götter, je nach Glauben) und Essen. Fast scheint es, als sei Ernährung eine eigene Glaubensrichtung.
So kann man zum Beispiel in einem Raum zwei Filme sehen: Der eine erklärt am Beispiel eines nepalesischen Mädchens, das bei einem Initiationsritus Reis isst, die je nach Kastenzugehörigkeit unterschiedlichen Speiseregeln im Hinduismus. Auf dem anderen Video werden Lämmer in Mekka rituell geschlachtet. Beide Filme stehen unter dem Titel »Opfer«. »Wir wollten eine Pluralität der Perspektiven«, sagt Bodo-Michael Baumunk, Kurator der Ausstellung. »Wir haben versucht, Vergleiche zu ziehen und die unterschiedlichen Beziehungen zum Judaismus zu finden.«

Festmahle 
Und von denen gibt es viele. Der Raum »Schöpfung«, der die Ausstellung eröffnet, erzählt sowohl vom jüdisch-christlichen Baum der Erkenntnis im Himmel wie vom Zaqqum, dem Baum der vergifteten Früchte, der nach islamischem Verständnis Häretiker in der Hölle erwartet. Im Raum »Gesetz« geht es um die Kaschrut und um erlaubte beziehungsweise verbotene Speisen in anderen Religionen. Hier erfährt man unter anderem, dass Muslime nur in Ausnahmefällen koscheres Fleisch essen dürfen. Im Raum »Das Mahl« kann man Geschichten über Festmahle im Judentum, Hinduismus und bei den Zoroastrern hören – erzählt von Geschirr.
Ja, Geschirr. Man nimmt zum Beispiel eine Tasse, hält sie ans Ohr und hört eine Stimme erzählen. Äußerst vielfältig sind die Mittel, die das Museum bei dieser Schau einsetzt. Mit allen fünf Sinnen kann der Besucher die Informationen verdauen. Da gibt es Exponate, Bilder, Filme. In einem Raum ertönt, wenn man auf einen im Boden versteckten Knopf tritt, die Bracha, die vor dem Schächten gesprochen wird; in einem anderen hört man den Kiddusch, je nach Wunsch sefardisch oder aschkenasisch. Oder der Besucher kann mit einem Gerät namens »Bug Checker« Kopfsalat auf treife Insekten untersuchen (nicht lebende, sondern aus Plastik).

Alltag
Jedes Exponat dieser Ausstellung zeugt von gründlicher Recherche. Der neugierige Besucher wird hier zu einem gut informierten Experten in Sachen Essen, Schlachten und Feiern durch die Jahrhunderte. Erst zu Ende der Schau wird einem bewusst, dass man hier einen historischen Rundgang absolviert hat. Beginnend mit der Tora, dem Tempel und den uralten Speiseregeln, geht es über den Hunger im Holocaust, die Gründung Israels und die forcierte Schaffung einer israelischen Nationalküche zum heißesten Thema: Juden in Deutschland berichten in Videointerviews, welche Rolle die Kaschrut in ihrem Alltag spielt (oder auch nicht).

Ironie 
Religion ist immer ein ernstes Thema, zumal wenn es um Vergleiche und Bezüge zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen geht. Doch diese Ausstellung spart nicht mit Selbstironie. Da gibt es etwa einen Falafelturm, Würfel in Form von Hamantaschen oder die Doppelskulptur eines vegetarischen Künstlers, der fleischessende Menschen mit Hyänen gleichsetzt. Besonders zu empfehlen ist die Musikecke im Raum »Identität«, wo man auf Videoclips Lieder wie »Gefilte Fisch« und »This is how we’re Jewish« hören und sehen kann. Wobei die Bildqualität etwas zu wünschen übrig lässt. Manche der Clips wirken, als seien sie von YouTube heruntergeladen worden. Das aber ist der einzige Schönheitsfehler dieser für Besucher jeden Glaubens faszinierenden Ausstellung.


Jüdische Allgemeine, 15.10.2009