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יום חמישי, 30 באוגוסט 2012

"Das weiße Band": Kassenschlager

In den vergangenen Monaten liefen zwei Filme in Israel, für die es fast unmöglich war, Kinokarten zu bekommen. Der eine war Avatar, bei dem der Ansturm mittlerweile abgebbt ist. Der andere ist Michael Hanekes »Das weiße Band«, der von einer kleinen norddeutschen Gemeinde im beginnenden 20. Jahrhundert erzählt, in der sich seltsame und schreckliche Vorfälle ereignen.

Israelis, die Das weiße Band noch nicht gesehen haben, sollten sich lange im Voraus festlegen, wann sie das tun möchten. Denn wer auf Spontanität setzt, hat zumeist verloren: Er steht in einer langen Schlange vor der Kinokasse, an der die meisten ihre vorbestellten Karten abholen. Niemand vom israelischen Filmverleih hätte gedacht, dass dieser Streifen eine derartige Wirkung auf das heimische Publikum haben würde. In der Regel genießen ausländische Filme im jüdischen Staat nur wenig Aufmerksamkeit, ausgenommen Hollywood-Produktionen.

In Israel sind Untertitel die häufigste Art der Übersetzung, synchronisiert wie in Deutschland wird in der Regel nicht. Was steckt dann hinter dem Erfolg von Das weiße Band? Auf den ersten Blick erscheint die Handlung des vielfach prämierten Dramas – soeben ist es beim Deutschen Filmpreis in zehn Kategorien ausgezeichnet worden – allgemeingültig: Eine Geschichte strenger Erziehung, die in vielen Kulturen üblich war und ist; eine Geschichte von sexuellem Missbrauch, die überall passieren kann; eine Geschichte von gestörten Familien, die in jeder Gesellschaft vorkommen. »Überall, wo der Film gezeigt wurde, fanden die Leute etwas, auf das sie sich beziehen konnten«, sagt Produzent Stefan Arndt im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Wir wollten dem Publikum nicht von vornherein erzählen müssen, was es denken muss.«

Weißes Band, schwarzes Band Am 11. Februar kam der Film in die israelischen Kinos. Einen Tag zuvor schrieb Yair Raveh, Filmkritiker der Zeitschrift »Pnaj Plus«: »Es ist eine Geschichte über Kinder aus Deutschland im Jahr 1914. Jene Kinder, die 20 Jahre später erwachsen sind und Hitler ins Amt bringen werden; die das weiße Band an ihrem Arm gegen ein schwarzes austauschen werden. Die Kinder, die nicht mehr hinter dem Rücken der Erwachsenen die Schwachen missbrauchen, sondern es als Teil offizieller Politik deklarieren.« Am 15. Februar analysierte Uri Klein, Kritiker der »City Mouse«: »Eine Sache im Film ist zweifellos das Wissen darüber, was wenige Jahrzehnte später in Deutschland geschehen wird.«

Im März ging jeder, der sich »Das weiße Band« anschaute, höchstwahrscheinlich vor diesem Hintergrund ins Kino. Vielleicht, weil es der erste Film war, der über den Holocaust sprach, ohne ihn direkt zu benennen. Ohne Uniformen, ohne Züge, ohne KZs, ein anderer Blickwinkel auf die damaligen Schrecken.

»Haneke sagt immer: Der Film ist die Startrampe, aber abspringen wollen muss das Publikum selbst«, erzählt Arndt. »Das weiße Band« mag ein Indiz dafür sein, dass die Narbe im Gedächtnis der israelischen Gesellschaft nach wie vor tief ist.

Jüdische Allgemeine, 26.04.2010

"Das Zimmer im Spiegel": Die Eingeschlossene von München

Rudi Gauls Debüt Das Zimmer im Spiegel, der diese Woche in die Kinos kommt, spielt während der Nazizeit. Seine Hauptfigur ist eine Jüdin. Doch ein zeitgeschichtliches Drama ist der Film nicht. Der Holocaust ist nur Anlass für den Regisseur, in eindrucksvollen wie eigenartigen Bildern zu zeigen, welche Auswirkungen physische und psychische Isolation auf eine Frau haben können.

Die Jüdin Luisa wird während des Zweiten Weltkriegs von ihrem »arischen« deutschen Mann vor den Nazis in einer leer stehenden Münchener Dachgeschosswoh- nung versteckt. In dem Raum stehen nur die nötigsten Möbel – und ein Spiegel. Anfangs kommt Karl von Zeit zu Zeit, bringt Luisa Kaffee und verbotene Bücher, die er mithilfe einer Freundin besorgt, einer Schauspielerin namens Judith. Doch Karl ist kalt und distanziert; der Zuschauer beginnt zu ahnen, dass etwas nicht stimmt. Nach einer Weile hören die Besuche auf. Mit dem Verschwinden Karls, der nicht nur Luisas Liebe ist, sondern auch ihre einzige Verbindung zur Außenwelt, verschwindet auch sukzessive die klare Wahrnehmung bei der Eingeschlossenen. Luisa wird zunehmend paranoid, spült nicht einmal mehr die Toilette, aus Angst, gehört und entdeckt zu werden. Jedes Geräusch, das von außen an ihr Ohr dringt, ist eine Mischung aus Hoffnung – dass es Karl sein könnte – und Angst – aufgespürt zu werden. Als Luisa kurz vor dem endgültigen psychischen Zusammenbruch steht, taucht plötzlich Judith auf. Aber ist sie es tatsächlich? Oder fantasiert Luisa nur?

Der Regisseur nutzt offenkundig Motive von Lewis Carroll, um Luisa ein Wunderland zu schaffen, in das sie sich vor den Schrecken ihrer Lage flüchten kann. Gleichzeitig erinnert Das Zimmer im Spiegel auch an eine Arbeit zweier anderer Lewis-Carroll-Fans, der Wachowski-Brüder und ihren Kultthriller Bound von 1996. Auch dort hilft eine starke Frau einer schwachen aus der Falle, wie hier Judith Luisa aus der Realität in eine Welt führt, von der sie immer nur geträumt hat. Und hier wie dort hat die Beziehung zwischen den beiden Frauen auch prononcierte sexuelle Aspekte.

Der dritte Protagonist ist der Spiegel im Zimmer. Vor ihm macht sich Luisa für Karls Besuche schön, aus ihm tritt die Fantasiefigur eines Bassisten, vor ihm kommt der Film zu seinem atemberaubenden Finale.

Kirstin Fischer spielt die Luisa mehr als nur überzeugend. Die schwierigste Prüfung für Schauspieler ist, ob sie auf der Leinwand schweigen können. Fischer besteht diesen Test mit Bravour. Während der gesamten ersten Hälfte des Films ist sie mit wenigen Ausnahmen völlig alleine auf der Leinwand und schafft es, nur auf sich gestellt, den Zuschauer zu fesseln. Den langsamen Zerfall von Luisas Geisteszustand kann man auf ihrem Gesicht lesen wie in einem Buch. Von Seite zu Seite versinkt sie immer mehr im Wahn. Beeindruckend auch Eva Wittenzellner, die die Judith als eiskalte Femme fatale gibt und den Zuschauer bis zum Ende im Ungewissen über sich lässt.

Schwer nur zu sagen, ob dieser Film ein Geniestreich ist, oder der Trip eines größenwahnsinnigen Filmhochschulabsolventen. Vielleicht beides. Egal: So oder so ist Das Zimmer im Spiegel eines jedenfalls nicht – langweilig.

Jüdische Allgemeine, 07.01.2010

"Der weiße Rabe": Halbtotale in die Vergangenheit

Max Mannheimer, geboren 1920 im damaligen Sudetenland, ist ein faszinierender Mensch. Er hat die Lager Auschwitz, Dachau und Mühldorf überlebt. Er besitzt einen bissigen Humor, künstlerisches Talent und hat eine spannende Lebensgeschichte zu erzählen, die er als Zeitzeuge vor jungen Menschen eindrucksvoll zu vermitteln weiß. Doch von alldem kommt in Carolin Ottos Dokumentarfilm Der weiße Rabe, der diese Woche in den Kinos anläuft, leider wenig rüber.

Gleich zu Beginn des Films verrät Carolin Otto den Zuschauern, dass sie mit Mannheimer eng befreundet ist. Diese Freundschaft war auch ihre Motivation für diese Produktion. Doch vor lauter Nähe zu dem Porträtierten scheint der Filmemacherin die Professionalität abhandengekommen zu sein.

Da sieht man beispielsweise Mannheimer in der Gedenkstätte Auschwitz stehen. Er erzählt von den Schrecken des Vernichtungslagers. Aber man kann seine Gefühle kaum lesen. Nicht, weil er keine hätte, sondern weil die Kamera ihn aus der Halbtotalen filmt, eine Einstellung, die ausgerechnet in einem der bewegendsten Momente Distanz zwischen dem Erzähler und den Zuschauern schafft. In einer anderen Szene stehen Mannheimer und Otto unter dem Fenster der Werkstatt, in der Mannheimers Bruder in einem KZ arbeitete und von wo er den anderen heimlich Brot zuwarf. Während Mannheimer das berichtet, fährt die Kamera an das Fenster ran und von dort ungelenk wieder zurück zu dem Erzählenden – der immer noch am Sprechen ist. Ein Fehler, der Filmstudenten im ersten Semester unterlaufen kann, nicht aber einer erfahrenen Regisseurin, die ein bisschen was von Schnitttechnik verstehen sollte.

Schlechte Kameraarbeit ist aber nicht das einzige Problem des Films. Offenbar hat Carolin Otto nicht begriffen (oder vergessen), dass ein Dokumentarfilm sich zwar an die Fakten halten muss, er aber in der Wahl der Mittel, diese Fakten zu zeigen, künstlerisch frei sein darf und soll. Lange, eingefrorene Einstellungen auf Menschen, die in die Kamera reden, überfordern die Aufmerksamkeitsspanne des Zuschauers. So interessant das, was dort erzählt wird, sein mag: Der Mangel an visueller Unterbrechung der langen Monologe ist fast unerträglich. Und der einzige Moment, in dem sanfte Musik ertönt, unterstreicht nur, dass es ansonsten den ganzen Film über an akustischer Untermalung fehlt.

Das eigentliche Dilemma dieses Films ist, dass er sich zu viel vorgenommen hat. Carolin Otto wollte Max Mannheimers Leben im Lager zeigen, seine Aufklärungsarbeit als Zeitzeuge in Schulen, sein Privatleben, seine künstlerische Tätigkeit. In ihrem Ehrgeiz, nichts auszulassen, hat sie ihr eigentliches Thema übersehen – Max Mannheimer.

Jüdische Allgemeine, 10.12.2009