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יום חמישי, 30 באוגוסט 2012

"Das Zimmer im Spiegel": Die Eingeschlossene von München

Rudi Gauls Debüt Das Zimmer im Spiegel, der diese Woche in die Kinos kommt, spielt während der Nazizeit. Seine Hauptfigur ist eine Jüdin. Doch ein zeitgeschichtliches Drama ist der Film nicht. Der Holocaust ist nur Anlass für den Regisseur, in eindrucksvollen wie eigenartigen Bildern zu zeigen, welche Auswirkungen physische und psychische Isolation auf eine Frau haben können.

Die Jüdin Luisa wird während des Zweiten Weltkriegs von ihrem »arischen« deutschen Mann vor den Nazis in einer leer stehenden Münchener Dachgeschosswoh- nung versteckt. In dem Raum stehen nur die nötigsten Möbel – und ein Spiegel. Anfangs kommt Karl von Zeit zu Zeit, bringt Luisa Kaffee und verbotene Bücher, die er mithilfe einer Freundin besorgt, einer Schauspielerin namens Judith. Doch Karl ist kalt und distanziert; der Zuschauer beginnt zu ahnen, dass etwas nicht stimmt. Nach einer Weile hören die Besuche auf. Mit dem Verschwinden Karls, der nicht nur Luisas Liebe ist, sondern auch ihre einzige Verbindung zur Außenwelt, verschwindet auch sukzessive die klare Wahrnehmung bei der Eingeschlossenen. Luisa wird zunehmend paranoid, spült nicht einmal mehr die Toilette, aus Angst, gehört und entdeckt zu werden. Jedes Geräusch, das von außen an ihr Ohr dringt, ist eine Mischung aus Hoffnung – dass es Karl sein könnte – und Angst – aufgespürt zu werden. Als Luisa kurz vor dem endgültigen psychischen Zusammenbruch steht, taucht plötzlich Judith auf. Aber ist sie es tatsächlich? Oder fantasiert Luisa nur?

Der Regisseur nutzt offenkundig Motive von Lewis Carroll, um Luisa ein Wunderland zu schaffen, in das sie sich vor den Schrecken ihrer Lage flüchten kann. Gleichzeitig erinnert Das Zimmer im Spiegel auch an eine Arbeit zweier anderer Lewis-Carroll-Fans, der Wachowski-Brüder und ihren Kultthriller Bound von 1996. Auch dort hilft eine starke Frau einer schwachen aus der Falle, wie hier Judith Luisa aus der Realität in eine Welt führt, von der sie immer nur geträumt hat. Und hier wie dort hat die Beziehung zwischen den beiden Frauen auch prononcierte sexuelle Aspekte.

Der dritte Protagonist ist der Spiegel im Zimmer. Vor ihm macht sich Luisa für Karls Besuche schön, aus ihm tritt die Fantasiefigur eines Bassisten, vor ihm kommt der Film zu seinem atemberaubenden Finale.

Kirstin Fischer spielt die Luisa mehr als nur überzeugend. Die schwierigste Prüfung für Schauspieler ist, ob sie auf der Leinwand schweigen können. Fischer besteht diesen Test mit Bravour. Während der gesamten ersten Hälfte des Films ist sie mit wenigen Ausnahmen völlig alleine auf der Leinwand und schafft es, nur auf sich gestellt, den Zuschauer zu fesseln. Den langsamen Zerfall von Luisas Geisteszustand kann man auf ihrem Gesicht lesen wie in einem Buch. Von Seite zu Seite versinkt sie immer mehr im Wahn. Beeindruckend auch Eva Wittenzellner, die die Judith als eiskalte Femme fatale gibt und den Zuschauer bis zum Ende im Ungewissen über sich lässt.

Schwer nur zu sagen, ob dieser Film ein Geniestreich ist, oder der Trip eines größenwahnsinnigen Filmhochschulabsolventen. Vielleicht beides. Egal: So oder so ist Das Zimmer im Spiegel eines jedenfalls nicht – langweilig.

Jüdische Allgemeine, 07.01.2010

"Der weiße Rabe": Halbtotale in die Vergangenheit

Max Mannheimer, geboren 1920 im damaligen Sudetenland, ist ein faszinierender Mensch. Er hat die Lager Auschwitz, Dachau und Mühldorf überlebt. Er besitzt einen bissigen Humor, künstlerisches Talent und hat eine spannende Lebensgeschichte zu erzählen, die er als Zeitzeuge vor jungen Menschen eindrucksvoll zu vermitteln weiß. Doch von alldem kommt in Carolin Ottos Dokumentarfilm Der weiße Rabe, der diese Woche in den Kinos anläuft, leider wenig rüber.

Gleich zu Beginn des Films verrät Carolin Otto den Zuschauern, dass sie mit Mannheimer eng befreundet ist. Diese Freundschaft war auch ihre Motivation für diese Produktion. Doch vor lauter Nähe zu dem Porträtierten scheint der Filmemacherin die Professionalität abhandengekommen zu sein.

Da sieht man beispielsweise Mannheimer in der Gedenkstätte Auschwitz stehen. Er erzählt von den Schrecken des Vernichtungslagers. Aber man kann seine Gefühle kaum lesen. Nicht, weil er keine hätte, sondern weil die Kamera ihn aus der Halbtotalen filmt, eine Einstellung, die ausgerechnet in einem der bewegendsten Momente Distanz zwischen dem Erzähler und den Zuschauern schafft. In einer anderen Szene stehen Mannheimer und Otto unter dem Fenster der Werkstatt, in der Mannheimers Bruder in einem KZ arbeitete und von wo er den anderen heimlich Brot zuwarf. Während Mannheimer das berichtet, fährt die Kamera an das Fenster ran und von dort ungelenk wieder zurück zu dem Erzählenden – der immer noch am Sprechen ist. Ein Fehler, der Filmstudenten im ersten Semester unterlaufen kann, nicht aber einer erfahrenen Regisseurin, die ein bisschen was von Schnitttechnik verstehen sollte.

Schlechte Kameraarbeit ist aber nicht das einzige Problem des Films. Offenbar hat Carolin Otto nicht begriffen (oder vergessen), dass ein Dokumentarfilm sich zwar an die Fakten halten muss, er aber in der Wahl der Mittel, diese Fakten zu zeigen, künstlerisch frei sein darf und soll. Lange, eingefrorene Einstellungen auf Menschen, die in die Kamera reden, überfordern die Aufmerksamkeitsspanne des Zuschauers. So interessant das, was dort erzählt wird, sein mag: Der Mangel an visueller Unterbrechung der langen Monologe ist fast unerträglich. Und der einzige Moment, in dem sanfte Musik ertönt, unterstreicht nur, dass es ansonsten den ganzen Film über an akustischer Untermalung fehlt.

Das eigentliche Dilemma dieses Films ist, dass er sich zu viel vorgenommen hat. Carolin Otto wollte Max Mannheimers Leben im Lager zeigen, seine Aufklärungsarbeit als Zeitzeuge in Schulen, sein Privatleben, seine künstlerische Tätigkeit. In ihrem Ehrgeiz, nichts auszulassen, hat sie ihr eigentliches Thema übersehen – Max Mannheimer.

Jüdische Allgemeine, 10.12.2009

Phönix aus der Asche

In der Kantine herrscht geschäftiges Treiben. Einige Dutzend Leute, meist älter als 70 Jahre, sind in ernste Gespräche vertieft. Manche von ihnen haben sich seit Jahrzehnten nicht gesehen. »Das war so nicht geplant«, sagt Alexej Heistver, »aber diese Konferenz hat Menschen zusammengebracht, die in demselben Ghetto waren.« Heistver ist Präsident der Bundesvereinigung »Phönix aus der Asche. Die Überlebenden der Hölle des Holocaust e.V«.

Bei der Konferenz in Berlin im Oktober kamen etwa 40 Überlebende aus ganz Deutschland zusammen. Anlass war der 65. Jahrestag der Befreiung der nationalsozialistischen KZs und Ghettos in der Sowjetunion und Osteuropa. Die Überlebenden trafen sich auf Einladung der »Stif- tung Denkmal für die ermordeten Juden Europas« mit Berliner Studenten, um ihnen ihre Geschichten zu erzählen. »Wir zeichnen die Erlebnisse der Überlebenden für ein Buch auf«, beschreibt Heistver eine der wichtigsten Aufgaben des Vereins. »50 bis 60 Erzählungen haben wir schon.«

Eine andere Aufgabe der Vereinigung ist es, sich um die sozialen und politischen Rechte der Überlebenden aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland zu kümmern. Es gibt in der Bundesrepublik kein Gesetz, das speziell die Rechte von Zuwanderern, die den Holocaust überlebt haben, regelt. Sie bekommen beispielsweise, wie alle anderen Zuwanderer auch, lediglich eine Grundsicherung im Alter, aber keine besondere Rente. Die erlaubt es ihnen nicht, ihren Wohnort selbst auszusuchen, zu arbeiten, Eigentum zu besitzen oder Deutschland länger als drei bis vier Wochen im Jahr zu verlassen. »Die Zeit ist reif, dass die Bundesregierung und der Bundestag den sozialgesetzlichen Status der Holocaust-Überlebenden regeln«, sagt Alexander Popow, Vizepräsident des Vereins.
»Bevor wir kamen«, betont Präsident Heistver, »hat sich niemand für die besondere Situation dieser Leute interessiert. Die jüdischen Gemeinden haben sie nicht ernst genommen, und wollten ihre Geschichte aus den Kriegsjahren nicht hören.« Heistvers Verein wurde 2006 gegründet. Zuerst kam er mit einigen Überlebenden in Deutschland in Kontakt. »Wir haben beschlossen, dass wir eine solche Organisation ins Leben rufen können«, erzählt er. Nach einem halben Jahr Arbeit wurde »Phönix« im August 2006 ins Vereinsregister eingetragen.

»Wir haben mit 30 Mitgliedern angefangen«, sagt Heistver. »Jedes Mitglied suchte Leute in seiner Gegend. Wir haben eine Anzeige geschaltet – und so kam das Ganze ins Rollen.« Bislang sind 420 Menschen in Deutschland organisiert. Der Zentralrat der Juden in Deutschland unterstützt die Aktivitäten von »Phönix«. Und Heistver ist sicher: »Es können noch mal so viele werden.«

Jüdische Allgemeine, 26.11.2009

Fünf Minuten mit Arie Kizel über das Deutschalndbild in israelischen Schulbüchern

Herr Kizel, die Deutsch-Israelische Schulbuchkommission, die Empfehlungen zur Darstellung beider Länder in Schulbüchern gibt, hat ihre Arbeit wieder aufgenommen. Was erwarten Sie sich davon?
Auf jeden Fall sollte die Kommission einen Blick in israelische Schulbücher werfen, um nachzusehen, wo die Lerninhalte über deutsche Geschichte aufhören.

Wie ist denn der jetztige Stand des Deutschalndbildes?
 Alles, was nach 1945 geschah, darüber wird so gut wie gar nicht berichtet. Es gibt eine Tendenz, eine Linie von Bismarck über die Weimarer Republik bin hin zu Hitler zu ziehen. Das soll die Wahrnehmung von Deutschland formen. Themen wie Wiedervereinigung oder die Erinnerungskultur werden jedoch nur sehr kurz berührt. Das heißt nicht, dass der Holocaust nicht unterrichtet werden soll, aber es ist auch wichtig, darauf zu achten, dass es nach 1945 auch ein Deutschland gab.

Welche Auswirkungen hat das auf israelische Schüler?
 Sie bekommen nur einen Teil des Deutschlandbildes vermittelt und befinden sich in einer Zwickmühle - ihnen gefällt das moderne Deutschland. Viele von ihnen reisen dorthin, besonders nach Berlin. Und plötzlich fragen sie sich: Wie kann es sein, dass wir darüber nie etwas erfahren haben?

Wie kann dieser Teil der deutschen Geschichte ergänzt werden?
Wir müssen uns darüber klar sein, dass es mit Deutschland nach 1945 weiterging. Das sollte unterrichtet werden. Der Mauerfall, die Wiedervereinigung, das sind Ereignisse die man nicht einfach weglassen kann.



Jüdische Allgemeine, 29.10.2009